Peintinger, Michael
Therapeutische Partnerschaft
Aufklärung zwischen Patientenautonomie und ärztlicher Selbstbestimmung

Therapeutische Partnerschaft
Aufklärung zwischen Patientenautonomie und ärztlicher Selbstbestimmung
Die Aufklärung des Patienten über seine Krankheit und mögliche Therapien ist seit jeher ein heikles Thema. Solange Ärzte vergleichsweise wenig Handlungsmöglichkeiten hatten – und auch wenig Konkretes wussten -, blieb ihnen, wenn ein Patient um Hilfe bat, standen ihnen nicht wesentlich mehr zu Gebote, als dem Betroffenen Ratschläge zu erteilen, wie dieser sein Leben einer wie auch immer begründeten kosmischen Ordnung folgend verändern sollte. Aufklärung in unserem Sinne spielte eine untergeordnete Rolle, wenngleich diese Medizin natürlich eine im hohen Maße kommunikative war. Aber es galt: Der Arzt ist der Wissende. Ihm wurde selbstverständlich die Rolle des alles bestimmenden (gütigen) Familienvaters zugestanden. Auch als Ärzten mehr und mehr Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen, hatte das paternalistische Arztbild noch lange – bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – Bestand.

Vor allem die Information über einen kritischen Krankheitszustand oder -verlauf war heikel. Im Altertum mieden Ärzte den Sterbenden – einen Patienten zu verlieren galt als rufschädigend. Das Problem der Rufschädigung verschwand zwar mit dem Aufkommen der heutigen klinischen Medizin, was jedoch viele Ärzte nicht davon abhielt, Sterbende zu meiden – die Rede davon, dass man einen Patienten verloren habe, ist hier aufschlussreich. Das Gespräch mit dem Patienten darüber, dass eine Krankheit nicht mehr erfolgreich behandelt werden kann, wurde sorgfältig gemieden. Der Leibarzt von Goethe hatte dafür eine Begründung geliefert: „Wer den Tod verkündet, der bringt ihn auch“. Dies sollte ebenfalls bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht weiter hinterfragte Doktrin ärztlichen Handelns bleiben.

Verschiedene Faktoren, die sich gegenseitig bedingten, führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Veränderung der Rolle des Arztes – und zwar sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdwahrnehmung. Als Stichworte seien hier genannt: immer differenziertere Therapieverfahren, zunehmende Arbeitsteiligkeit im therapeutischen Prozess, Professionalisierung und, damit einhergehend, Emanzipation der bis dato Helfer des Arztes, Informationsmöglichkeiten der Patienten, zunehmende Anerkenntnis der Patientenautonomie auch und entscheidend in der Rechtsprechung, Besinnung auf eine neue Kultur des gesellschaftlichen Umgehens mit Sterben und Tod.

Dass ärztliche Arbeit in erstere Linie Beziehungsarbeit ist, ist nicht neu, auch wenn dieser Aspekt mit den aufkommenden technischen Möglichkeiten des Arztes da und dort etwas in Vergessenheit geraten ist. In der sich am Ende des vergangenen Jahrhunderts herauskristallisierende veränderten Rolle des Arztes wurde der Beziehungsarbeit in der ärztlichen Tätigkeit wieder ein – vielleicht erstmals bewusst vollzogener - größerer Stellenwert beigemessen. Und in diesem Zusammenhang musste notwendig auch Aufklärung in den Blickwinkel geraten.

Der Autor des vorliegenden Buches schreibt im Vorwort: „In mehr als zwanzig Jahren ärztlicher Tätigkeit habe ich erfahren dürfen, dass die Beziehung zum Patienten, abseits aller medizintechnischen Innovationen, das Zentrum jedes therapeutischen Dienstes darstellt. Das Bemühen um eine kontinuierliche Kommunikation mit dem Kranken und^seinem Umfeld, welche zudem über das gerade sachlich Notwendige hinausreicht, war und ist der hauptsächliche Beitrag des Arztes in jedem therapeutischen Prozess. Dieser Beitrag konkretisiert sich vor allem in einem wertorientierten Aufklärungsprozess, der von der ersten Begegnung bis zur Verabschiedung reicht.“

Mit der Arbeit will Michael Peintinger einen Beitrag dazu leisten, „dass der Aufklärungsprozess als Ausdruck einer therapeutischen Beziehung, die sich an der Autonomie beider Partner orientiert, ins Zentrum des medizinischen Denkens und Handelns rückt“. Darüber hinaus geht es ihm darum, dass dem Patienten ein Recht einegräumt wird, auch seinen Informanten selbst zu bestimmen. In dem ersten Kapitel wird ausführlich der Begriff der Autonomie behandelt. Die Konzepte der Befürworter und Mahner der Anerkenntnis des Autonomieprinzips im medizinischen Kontext werden skizziert. Der Darstellung des Gegensatzes „Autonomie“ und „Paternalismus“ folgen Ausführungen zur Wiederherstellung der Autonomiekompetenz als Teil der Therapie. Abschließend wird nach Problemen und Gefahren durch die Föderung der Autonomie gefragt.

Gegenstand des zweiten Kapitels ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient als Basis eines erfolgreichen Aufklärungsprozesses. Das dritte Kapitel ist dem wertorientierten Aufklärungsprozess gewidmet. Hier geht der Autor unter anderem Auf die Problematik von Aufklärung und Wahrheit eingegangen. Und er greift das Thema „Patientenverfügung“ auf.

Das letzte Kapitel ist überschrieben mit „Die Konversion der Aufklärungshoheit“. Hier entfaltet der Autor vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen sein Konzept davon, dass der Patient seinen Informanten selbst bestimmen kann, was bedeutet, dass auch eine Pflegeperson Aufklärende sein kann. Die Auswirkungen werden aufgezeigt, die befürchteten Probleme diskutiert und die notwendigen rechtlichen Regelungen dargestellt. Abschließend wagt der Autor einen Ausblick auf eine „Zukünftige Aufklärung im Team“. Er führt aus: „Als Ausgangspunkt dafür könnte eine Zusammenführung von der wertorientierten medizinischen Anamnese und der Pflegeanamnese dienen, die ja bislang schon die Präferenzen des Patienten vermehrt berücksichtigte.“ Und weiter heißt es: „Die Einbeziehung des Pflegepersonals ließe sich etwa damit begründen, dass jeder Beitrag zur Selbstständigkeit des Patienten auch als grundsätzliches Element der Pflege angesehen wird und dass zumeist eine realistischere Einschätzung des Informationsbedürfnisses aufgrund der emotionalen Nähe, der besseren Gesprächsbeziehung und eine genauere Kenntnis des Umfeldes vorliegt. Die Erfahrung, dass es auch heute nach der Diagnosemitteilung des Arztes oft dringend einer anschließenden seelischen Betreuung durch die Pflegeperson bedarf, damit der Patient mit dem Wissen umzugehen lernen kann, könnte zusätzlich dazu anregen, vorhandene Synergien zu nützen.“

Auch wenn es sich bei dem Thema „Aufklärung“ um ein ärztliches Thema handelt, kann der Autor des vorliegenden Buches deutlich machen, dass ers den Titel „Therapeutische Partnerschaft“ in mehrerlei Hinsicht ernst meint. Das Buch ist deshalb auch für Pflegende überaus lesenswert.


Eine Rezension von Paul-Werner Schreiner
Newsletter Pflegewissenschaft: Aktuelle Infos aus der Redaktion und der Pflegewissenschaft
E-Mail:
Editorial Board | Kontakt | Abo&Preise | AGB | Impressum | ISSN Nr. 1662-3029 | 1994-2010 hpsmedia GmbH | Version vom:28.05.2010 10:59:31